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Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten (1/3)

1918 übernimmt Adolf Blumenthal das Kaufhaus seines Vaters – mitten im Umbruch. Die Weimarer Republik bringt Hyperinflation, Hunger und sozialen Zerfall. Die Familie navigiert das Unternehmen mit Geschick und sozialem Engagement durch die Krise, erlebt kurz den Aufschwung der Goldenen Zwanziger – und dann trifft der Börsencrash von 1929 mit voller Wucht. Teil 3 der Serie über das Kaufhaus Blumenthal.

Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten (1/3)

Kaufhaus Blumenthal (Teil 3): Ein Kaufhaus in Kriegs- und Krisenzeiten

Serien-Kompass

  • Kapitel 1: Kaufhaus Blumenthal (Teil 3 von 4)
  • Serie: Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten
  • Epoche: 1914 – 1929: Generationswechsel, Goldene Zwanziger und Weltwirtschaftskrise

Generationswechsel im Schatten des Umbruchs

Nach den glanzvollen Anfangsjahren leiten veränderte Besitzverhältnisse eine neue Ära ein. 1910 wird Seligmann Blumenthal alleiniger Inhaber der Firma, ein Jahr später steigt sein Sohn Adolf als Prokurist fest in die Leitung ein.

Im Jahr 1918, das mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Ausrufung der Republik in Deutschland eine historische Zäsur markiert, übernimmt der erst 30-jährige Adolf schließlich als persönlich haftender Gesellschafter die volle Verantwortung für das Unternehmen. Es ist ein Erbe voller Hürden. Das Ende der Kaiserzeit trifft die Kurstadt hart: Kaiser Wilhelm II., der bis 1914 Wiesbaden regelmäßig besuchte, bleibt aus – und mit ihm die kaufkräftigen Kurgäste aus dem europäischen Hochadel.

Abschied und Familienglück in turbulenten Zeiten 

Die tiefgreifenden Veränderungen spiegeln sich auch im Privaten wider. Adolf Blumenthal und seine Verlobte Irma Rosenthal stecken mitten in den Hochzeitsplanungen, als Senior-Chef Seligmann im August 1919 mit 65 Jahren überraschend verstirbt. Die Wiesbadener Neuesten Nachrichten würdigen in ihrem Nachruf den „weitsichtigen Blick“ des Gründers, mit dem er sein Unternehmen „aus kleinen Anfängen heraus zu einem der ersten Geschäftshäuser unserer Stadt“ gemacht habe.

Das Paar heiratet trotz der Trauer im Oktober 1919. Bald darauf zieht neues Leben ein: Am 27. August 1920 wird Tochter Ruth Dorothea geboren, am 16. September 1922 ihre Tochter Ellen.

Zwischen Existenzkampf und sozialer Verantwortung

Das Familienglück im Hause Blumenthal steht im krassen Gegensatz zur dramatischen politischen und wirtschaftlichen Lage der Weimarer Republik. Das Jahr 1923 bringt die Hyperinflation: Das Geld verfällt rasend schnell, Ersparnisse sind plötzlich nichts mehr Wert. Viele Menschen können sich nicht einmal mehr das Nötigste leisten und leiden bittere Armut. Adolf Blumenthal schaut nicht weg: Er engagiert sich sozial und wird aktiver Teil der „Wiesbadener Notgemeinschaft“, die mit eindringlichen Aufrufen Spenden für die hungernde Bevölkerung sammelt.

Blumenthal wirbt für die neuen Herbst-Moden zur zwanglosen Besichtigung.

Gleichzeitig fordert die Krise das kaufmännische Geschick der Familie heraus. Gemeinsam mit seiner Mutter Julchen, die als Kommanditistin ein Viertel der Gewinne hält, navigiert Adolf das Kaufhaus durch die krisengebeutelten frühen 1920er-Jahre. Um sich den schmalen Geldbeuteln der Menschen anzupassen, wirbt das Haus mit praktischen Schnittmustern zum Selbernähen oder mit Einkochgläsern, Dörapparaten und Steinzeugtöpfen für die Selbstversorgung. Ein Herzstück bleibt die alljährliche Puppen-Klinik und Reparatur-Werkstatt in der Vorweihnachtszeit, in der Spielzeug und Maschinen fachmännisch wieder hergerichtet werden. Man lädt zur „zwanglosen Besichtigung“ der neuesten Mode ein, „auch wenn kein Kauf beabsichtigt ist“ (Wiesbadener Tagblatt, 19.09.1920).

Der (kurze) Aufschwung der „Goldenen Zwanziger“

Die Ausdauer zahlt sich aus: Ab 1924 wirbt Blumenthal wieder selbstbewusst im Wiesbadener Bade-Blatt als „größtes Kaufhaus am Platze“, der Kurbetrieb zieht allmählich wieder an. Das Konzept geht auf: Das Haus floriert in der Mitte der Zwanziger Jahre, beschäftigt im Schnitt 250 Angestellte und erwirtschaftet jährliche Umsätze zwischen fünf und acht Millionen Reichsmark, dokumentiert Klaus Flick.

Dieser Erfolg lässt die Familie mutig in die Zukunft blicken. Im Jahr 1928, auf dem absoluten Höhepunkt der wirtschaftlichen Erholung, wagt man den nächsten großen Schritt: Das monumentale Jugendstilgebäude in der Kirchgasse wird um zwei moderne Flügel erweitert. Es scheint, als stünde dem Kaufhaus Blumenthal eine goldene Zukunft bevor.

Der Crash von 1929 und seine Folgen

Doch das Hochgefühl ist von kurzer Dauer. Im Oktober 1929 bringt der New Yorker Börsencrash die Weltwirtschaft ins Wanken und trifft das konsumabhängige Warenhaus Blumenthal mit voller Wucht. Die Umsätze gehen in der Folgezeit katastrophal zurück, die Kosten lassen sich kaum senken, und in den Bilanzen stehen bald zehntausende Reichsmark Verlust.

→ Wie geht es weiter?

Nicht nur die wirtschaftlichen Verluste in Folge der Wirtschaftskrise setzen dem Familienunternehmen zu. Schon in den Jahren zuvor kam es immer wieder zu antisemitischen Anfeindungen gegenüber den großen Warenhäusern. Mit dem Aufstieg Hitlers und der Nazis wird dieser Hass nun systematisch geschürt. Was als wirtschaftlicher Druck begann, wird bald zur existenziellen Bedrohung für Leib und Leben. 

Weiter zu Teil 4: Wie die Familie Blumenthal ihre dunkelsten Zeiten durchlebt und unter dem NS-Regime enteignet, verfolgt und ermordet wird (1929–1945).

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Janine Seitz 

Quellen:

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