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Einkaufstüten als Spiegel der Konsumgeschichte

Heute wirken sie wie Relikte aus einer anderen Zeit. Die Einkaufstüten erzählen die Konsumgeschichte der letzten 60 Jahre – in Farbe, Form und Firmenlogo.

Einkaufstüten als Spiegel der Konsumgeschichte

Life in Plastic. It’s fantastic?

Wand mit Einkaufstüten
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Heute wirken sie wie Relikte aus einer anderen Zeit. Dabei ist es noch gar nicht lange her: Seit 2016 gibt es sie im Handel nicht mehr kostenlos, erst seit 2022 sind Einweg-Plastiktüten in Deutschland weitgehend verboten. Was als praktischer Alltagshelfer begann, wurde zum Symbol der Wegwerfkultur.

Die Tüten erzählen die Konsumgeschichte der letzten 60 Jahre – in Farbe, Form und Firmenlogo. 

In ganz Deutschland? Ja, allerdings waren Plastiktüten in der BRD viel verbreiteter als der „Plastebeutel” in der DDR.

Wie alles begann

1961 führte der Kaufhauskonzern Horten die Tragetasche aus Polyethylen ein – damals noch als sogenannte „Hemdchentüte“. Andere Warenhäuser zogen schnell nach, darunter Kaufhof ab Mitte der 1960er-Jahre.

Die Hemdchentüte hat ihren Namen von ihren Henkeln, die den Trägern eines Unterhemds ähneln. Mit ihr startete der Siegeszug der Plastiktüten für den Massenmarkt.

Übrigens: Einer der Erfinder des „Hemdchen-Prinzips“ für Verpackungsbeutel war die Firma RUMA aus Wiesbaden-Dotzheim. 

Doch schon nach wenigen Jahren wurde sie weitgehend von der stabileren Reiterbandtasche abgelöst – im Grunde die klassische Plastiktüte (wie wir sie kennen) mit verstärktem Trage-Eingriff. Beinahe immer und überall gab es sie kostenlos zum Einkauf dazu.

Vom Fortschritt zum Problem

32

Plastiktüten pro Kopf im Jahr – 1975

76

Plastiktüten pro Kopf im Jahr – 2014

27

dünne Plastiktüten (z.B. für Obst, nicht verboten) pro Kopf im Jahr – 2023

Ab Mitte der 1970er-Jahre wurde der Jutebeutel hip: „Jute statt Plastik“ wurde zur Gegenbewegung zur Konsumgesellschaft. 

Design und Zeitgeist

Plastiktüten waren günstig, praktisch – und perfekte Werbeträger. 

In den 1970ern waren Einkaufstüten so bunt wie die Tapeten in den Wohnzimmern. Jedes Kaufhaus hatte seinen eigenen Look:

Horten übertrug seine berühmt-berüchtigte Kachelfassade auch auf das Tütendesign: blaue Dreiecke als abstraktes H für Horten. 

Kaufhof setzte auf psychedelische Kreise – meist in klassischem Grün, manchmal auch in mutigem Pink.

Unvergessen ist die rot-blaue „Hertie-Sonne“, die in den 1970ern und 80ern bis zur Übernahme durch Karstadt 1994 über die Einkaufsstraßen strahlte.

Auch Exklusivität ließ sich wunderbar nach außen in die Welt tragen: Die Tüte als Statussymbol.  

KaDeWe: Hier wurde die Tüte zum Kunstobjekt. Gleich erkannt? Alltagsgegenstände wie Kartoffeln oder Pinsel wurden wie Stillleben inszeniert.

Wertheim zeigte Mitte der 1980er noch einmal sein ikonisches Original-Logo mit dem Globus auf dem „W“ aus den glanzvollen Anfangsjahren des Warenhauses.

Im Osten: Plaste, Papier und Dederon

Wo es keinen Überfluss gab, waren auch Einwegtüten aus Plastik überflüssig. Stattdessen wurden in der DDR vor allem Papiertüten genutzt. „Plastebeutel“ waren begehrt und wurden so lange wie möglich wiederverwendet.

  • Flowerpower: Die grafischen Muster der Papiertüten der Handelsorganisation (kurz HO) und ihrer Centrum Warenhäuser waren auffällig bunt – ein optischer Akzent im oft grauen Alltag. 
  • Dederon-Netze: Ein besonderes Stück DDR-Alltagskultur. Die Einkaufsnetze aus der Polyamid-Kunstfaser Dederon waren extrem robust und dehnbar: es hieß, es passen bis zu 12 Bierflaschen hinein.

Im Westen bis zur Wende vergessen und von der Plastiktüte verdrängt, erlebt das Einkaufsnetz längst ein Comeback als umweltfreundliche Alternative – oft mit einem Hauch „Ostalgie“.