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Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten (Kaufhaus Blumenthal, #4)

Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten (Kaufhaus Blumenthal, #4)

Kaufhaus Blumenthal (Teil 4): Das tragische Ende einer Kaufhaus-Ära

Serien-Kompass

  • Kapitel 1: Kaufhaus Blumenthal (Teil 4 von 4)
  • Serie: Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten
  • Epoche: 1929–1945: Boykott, Enteignung, Verfolgung und Ermordung im NS-Regime

Wirtschaftskrise und Antisemitismus

Mit dem Beginn der 1930er Jahre bricht für das Kaufhaus Blumenthal die dunkelste Epoche an. Die Weltwirtschaftskrise trifft Deutschland besonders hart: Unternehmen müssen schließen, Banken gehen pleite. Auf dem Höhepunkt der Krise im Jahr 1932 sind sechs Millionen Deutsche arbeitslos. Die wirtschaftlichen Folgen belasten das Familienunternehmen Blumenthal ohnehin schwer, doch die eigentliche Gefahr ist ideologischer Natur. Was jahrelang als unterschwelliger Antisemitismus in Teilen der Gesellschaft schwelte, wird mit der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 zur Staatsdoktrin.

Der organisierte Hass und das große Schweigen

Von Beginn an wird der Antisemitismus von der NSDAP geschürt und nun auch von der Regierung in die Tat umgesetzt: Beim generalstabsmäßig geplanten „Judenboykott“ am 1. April 1933 postieren sich deutschlandweit SA-Posten vor den Warenhäusern. Ziel ist die systematische Verdrängung der Deutschen jüdischen Glaubens aus dem Wirtschaftsleben. 

Auch in Wiesbaden werden gezielt jüdische Geschäfte, Rechtsanwaltskanzleien und Arztpraxen boykottiert: Die meisten haben ihre Läden an diesem Samstag (oder generell samstags) geschlossen, sodass die SA vor verschlossenen Türen postiert. Man findet teilweise Schilder mit der Aufschrift „Meidet Warenhäuser und jüdische Ramschbasare!“, „Achtung Boykott!“ oder „Keinen Pfennig den Juden“. Weiter vermeldet das Wiesbadener Tagblatt in seiner Sonntagsausgabe vom 2. April 1933 „Keine Störungen“ durch den Boykott. 

Was vom Nassauer Volksblatt, dem Sprachrohr der NSDAP, als Aktion beschrieben wird, die in „vollkommener Ruhe und Ordnung“ verlief, zeigt sich in der Realität als eine Mischung aus Neugier und Passivität der Menschen, sozusagen die schweigende Masse: Viele gehen auf die Straße und schauen, was da gerade passiert, andere ignorieren das Geschehen, einzelne äußern ihren Unmut, die wenigsten unterstützen es aktiv. Es war das große Schweigen der Mehrheit, auf das die radikale Judenverfolgung aufbaute.

Rassenwahn und Umsatzeinbruch

Ein absurder Nebeneffekt des Rassenwahns, der sich nicht nur in Wiesbaden zeigt: Warenhäuser stehen unter dem Pauschalverdacht „jüdisch“ zu sein. So versammelt sich eine neugierige Menschenmenge rund um das geöffnete Warenhaus Karzentra auf dem Mauritiusplatz. Gegen Mittag wird ein Aushang gemacht: das Haus gehöre mittlerweile zu Karstadt und werde daher nicht boykottiert. Das Unternehmen Karstadt entlässt mit dem Datum 1. April 1933 seine jüdischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fristlos. Und gilt von nun am mit seinem christlichen Warenhausgründer Rudolph Karstadt als „arisch“ und wird von der NS-Regierung geschützt und unterstützt. 

Zu diesen Boykottaufrufen kommen behördliche Schikanen, gezielte Kreditverweigerungen und eine hasserfüllte Propaganda in der mehr und mehr gleichgeschalteten Presse. Unter diesen Bedingungen bricht der Umsatz des einst so florierenden Warenhauses Blumenthal, das vor 40 Jahren als kleines Kurzwarengeschäft begann, dramatisch ein; das Haus kann keine Gewinne mehr erzielen.

Die erzwungene Übergabe: „Arisierung“ zum Nulltarif

Im August 1935 wird der wirtschaftliche und psychische Druck auf die Familie existenziell. Adolf Blumenthal und seine Mutter Julchen sehen keinen Ausweg mehr: Sie müssen das Kaufhaus übergeben. Übernommen wird das Unternehmen von Erich Krüger, der kurz zuvor schon als Geschäftsführer eingesetzt worden war, und dem Kaufmann Karl Brandt aus Köln: die Firma Krüger & Brandt wird am 2. September offiziell gegründet. Eine echte Bezahlung für ihr Lebenswerk erhält die Familie Blumenthal nicht; die neuen Besitzer übernehmen lediglich die aufgelaufenen Schulden in Höhe von 600.000 Reichsmark.

Das stolze Kaufhaus Blumenthal wird einfach ausradiert. Das Nassauer Volksblatt hetzt am 6. September 1935 voller Häme: „Blumenthal am Ende“. Die neuen Inhaber reduzieren das Sortiment radikal und nennen sich fortan nicht mehr Warenhaus, sondern „Textil- und Modehaus Krüger & Brandt“. Im Jahr 1943 schließt die NSDAP das Gebäude in der Kirchgasse endgültig und zweckentfremdet die Etagen als militärische Luftkommando-Stelle. Krüger & Brandt werden zu einem Kriegsgemeinschaftsbetrieb in die Langgasse 32 verlegt. Dort bleiben sie auch nach dem Krieg, bis sie 1950 in die Langgasse 52-54 (Ecke Webergasse) umziehen.

Die trügerische Sicherheit: Das Schicksal der Familie im Exil

All das erleben Julchen, Adolf und seine Frau Irma Blumenthal nicht mehr. Sie sind bereits tot. Klaus Flick dokumentiert das Schicksal der Familie detailliert. Adolf und Irma fliehen bereits Ende 1935 nach Amsterdam, wo sie eine Pension für andere Geflüchtete betreiben. Ihre Töchter Ruth und Ellen hatten sie zuvor schon auf eine Privatschule nach England geschickt, dann leben sie wieder gemeinsam in Amsterdam. Klaus Flick dokumentiert das Schicksal der Familie detailliert.

Die permanente Angst und die Flucht setzen Irma Blumenthal schwer zu; sie erleidet einen Nervenzusammenbruch und rutscht in tiefe Depressionen. 1938/39 wird sie in eine psychiatrische Klinik außerhalb von Amsterdam eingewiesen. Bis zum Einmarsch der Nazis in die Niederlande im Mai 1940 können Mann und Töchter sie regelmäßig besuchen, danach schränkt das Besatzungsregime die Bewegungsfreiheit drastisch ein. Von der jüdischen Klinik in Apeldoorn wird sie im Januar 1943 ins KZ Auschwitz deportiert und direkt nach ihrer Ankunft am 25. Januar 1943 ermordet.

Ihren Ehemann ereilt ein ähnlich grausames Schicksal: Im April 1943 wird er verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork verschleppt. Am 13. Juli 1943 folgt die Deportation in das Vernichtungslager Sobibor. Nur drei Tage später, am 16. Juli 1943, wird er dort vergast.

Die beiden Töchter überleben den Holocaust wie durch ein Wunder: Ruth taucht in den Untergrund ab und übersteht die Kriegsjahre unter falschem Namen als Dienstmädchen bei einer Familie in den Niederlanden. Ellen gelingt es, dass sie als „Halbjüdin“ anerkennt wird und kann so der Deportation entgehen.

Das letzte Zimmer in der Heimat

Wie viele ältere Menschen jüdischen Glaubens will auch Julchen Blumenthal die beschwerliche Flucht aus ihrer Heimat und einen möglichen Neuanfang in einem fremden Land zunächst nicht auf sich nehmen. 1938/39 plant sie dann aber doch ihre Ausreise aus Nazideutschland und veräußert große Teile ihres Besitzes – natürlich als Jüdin immer weit unter Wert. Was ihre Ausreise dann doch verhindert, ist unklar. Nachdem sie mehrere Jahre in einer Pension gelebt hat, wird sie im April 1942 in ein Judenhaus umquartiert. Am 3. Juli 1942 wählt die 82-Jährige den letzten, tragischen Ausweg: Sie nimmt sich in ihrem Zimmer mit Gift das Leben.

Die Zukunft des Kaufhauses

Das Gebäude des ehemaligen Kaufhauses Blumenthal übersteht die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs in der Wiesbadener Innenstadt fast unbeschadet. Im Jahr 1947 dient der einstige Konsumpalast als Ausstellungsort für die große „Leistungsschau der Hessischen Wirtschaft“, bevor das Haus 1948 vom Karstadt-Konzern übernommen wird. Damit schließt sich das Kapitel der Gründerfamilie Blumenthal endgültig – und ein neues Kapitel der Kaufhäuser in Wiesbaden beginnt.

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Janine Seitz 

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Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten (1/3)

Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten (1/3)

Kaufhaus Blumenthal (Teil 3): Ein Kaufhaus in Kriegs- und Krisenzeiten

Serien-Kompass

  • Kapitel 1: Kaufhaus Blumenthal (Teil 3 von 4)
  • Serie: Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten
  • Epoche: 1914 – 1929: Generationswechsel, Goldene Zwanziger und Weltwirtschaftskrise

Generationswechsel im Schatten des Umbruchs

Nach den glanzvollen Anfangsjahren leiten veränderte Besitzverhältnisse eine neue Ära ein. 1910 wird Seligmann Blumenthal alleiniger Inhaber der Firma, ein Jahr später steigt sein Sohn Adolf als Prokurist fest in die Leitung ein.

Im Jahr 1918, das mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Ausrufung der Republik in Deutschland eine historische Zäsur markiert, übernimmt der erst 30-jährige Adolf schließlich als persönlich haftender Gesellschafter die volle Verantwortung für das Unternehmen. Es ist ein Erbe voller Hürden. Das Ende der Kaiserzeit trifft die Kurstadt hart: Kaiser Wilhelm II., der bis 1914 Wiesbaden regelmäßig besuchte, bleibt aus – und mit ihm die kaufkräftigen Kurgäste aus dem europäischen Hochadel.

Abschied und Familienglück in turbulenten Zeiten 

Die tiefgreifenden Veränderungen spiegeln sich auch im Privaten wider. Adolf Blumenthal und seine Verlobte Irma Rosenthal stecken mitten in den Hochzeitsplanungen, als Senior-Chef Seligmann im August 1919 mit 65 Jahren überraschend verstirbt. Die Wiesbadener Neuesten Nachrichten würdigen in ihrem Nachruf den „weitsichtigen Blick“ des Gründers, mit dem er sein Unternehmen „aus kleinen Anfängen heraus zu einem der ersten Geschäftshäuser unserer Stadt“ gemacht habe.

Das Paar heiratet trotz der Trauer im Oktober 1919. Bald darauf zieht neues Leben ein: Am 27. August 1920 wird Tochter Ruth Dorothea geboren, am 16. September 1922 ihre Tochter Ellen.

Zwischen Existenzkampf und sozialer Verantwortung

Das Familienglück im Hause Blumenthal steht im krassen Gegensatz zur dramatischen politischen und wirtschaftlichen Lage der Weimarer Republik. Das Jahr 1923 bringt die Hyperinflation: Das Geld verfällt rasend schnell, Ersparnisse sind plötzlich nichts mehr Wert. Viele Menschen können sich nicht einmal mehr das Nötigste leisten und leiden bittere Armut. Adolf Blumenthal schaut nicht weg: Er engagiert sich sozial und wird aktiver Teil der „Wiesbadener Notgemeinschaft“, die mit eindringlichen Aufrufen Spenden für die hungernde Bevölkerung sammelt.

Blumenthal wirbt für die neuen Herbst-Moden zur zwanglosen Besichtigung.

Gleichzeitig fordert die Krise das kaufmännische Geschick der Familie heraus. Gemeinsam mit seiner Mutter Julchen, die als Kommanditistin ein Viertel der Gewinne hält, navigiert Adolf das Kaufhaus durch die krisengebeutelten frühen 1920er-Jahre. Um sich den schmalen Geldbeuteln der Menschen anzupassen, wirbt das Haus mit praktischen Schnittmustern zum Selbernähen oder mit Einkochgläsern, Dörapparaten und Steinzeugtöpfen für die Selbstversorgung. Ein Herzstück bleibt die alljährliche Puppen-Klinik und Reparatur-Werkstatt in der Vorweihnachtszeit, in der Spielzeug und Maschinen fachmännisch wieder hergerichtet werden. Man lädt zur „zwanglosen Besichtigung“ der neuesten Mode ein, „auch wenn kein Kauf beabsichtigt ist“ (Wiesbadener Tagblatt, 19.09.1920).

Der (kurze) Aufschwung der „Goldenen Zwanziger“

Die Ausdauer zahlt sich aus: Ab 1924 wirbt Blumenthal wieder selbstbewusst im Wiesbadener Bade-Blatt als „größtes Kaufhaus am Platze“, der Kurbetrieb zieht allmählich wieder an. Das Konzept geht auf: Das Haus floriert in der Mitte der Zwanziger Jahre, beschäftigt im Schnitt 250 Angestellte und erwirtschaftet jährliche Umsätze zwischen fünf und acht Millionen Reichsmark, dokumentiert Klaus Flick.

Dieser Erfolg lässt die Familie mutig in die Zukunft blicken. Im Jahr 1928, auf dem absoluten Höhepunkt der wirtschaftlichen Erholung, wagt man den nächsten großen Schritt: Das monumentale Jugendstilgebäude in der Kirchgasse wird um zwei moderne Flügel erweitert. Es scheint, als stünde dem Kaufhaus Blumenthal eine goldene Zukunft bevor.

Der Crash von 1929 und seine Folgen

Doch das Hochgefühl ist von kurzer Dauer. Im Oktober 1929 bringt der New Yorker Börsencrash die Weltwirtschaft ins Wanken und trifft das konsumabhängige Warenhaus Blumenthal mit voller Wucht. Die Umsätze gehen in der Folgezeit katastrophal zurück, die Kosten lassen sich kaum senken, und in den Bilanzen stehen bald zehntausende Reichsmark Verlust.

→ Wie geht es weiter?

Nicht nur die wirtschaftlichen Verluste in Folge der Wirtschaftskrise setzen dem Familienunternehmen zu. Schon in den Jahren zuvor kam es immer wieder zu antisemitischen Anfeindungen gegenüber den großen Warenhäusern. Mit dem Aufstieg Hitlers und der Nazis wird dieser Hass nun systematisch geschürt. Was als wirtschaftlicher Druck begann, wird bald zur existenziellen Bedrohung für Leib und Leben. 

Weiter zu Teil 4: Wie die Familie Blumenthal ihre dunkelsten Zeiten durchlebt und unter dem NS-Regime enteignet, verfolgt und ermordet wird (1929–1945).

Zurück zu Teil 2

Janine Seitz 

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Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten (1/1)

Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten (1/1)

Kaufhaus Blumenthal (Teil 1): Hamburger Luft in der Kurstadt

Serien-Kompass

  • Kapitel 1: Kaufhaus Blumenthal (Teil 1 von 4)
  • Serie: Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten
  • Epoche: 1883 – 1906: Vom Kurzwarenladen zum Prachtbau

Wiesbaden als Magnet für Entrepreneure

Als im Laufe des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg Wiesbaden als Weltkurstadt florierte, fühlten sich die Wiesbadener ganz mondän. Doch diejenigen, die Wiesbaden voran brachten, die wahren Innovateure, kamen meist von außerhalb. Sie nutzten die Möglichkeiten, die eine aufstrebende Stadt bot, und trugen somit zum neuen Großstadt-Flair bei. Denn hier ging noch was – und im Gegensatz zu anderen Städten, die durch die Industrialisierung boomten, zeigte sich Wiesbaden als Tourismusmagnet mit Heilwasser,  sauberer Luft und den besten Freizeitmöglichkeiten.

Ein junges Paar wagt den großen Schritt 

Mit einer Geschäftsidee in der Tasche kam auch das junge Paar Seligmann und Julie, genannt Julchen, Blumenthal 1883 nach Wiesbaden. Seligmann war damals 29 Jahre alt und stammte aus dem kleinen Ort Rosenthal in der Nähe von Marburg. Julchen war fünf Jahre jünger und wurde im Hamburger Stadtteil Altona geboren. Sie sind noch nicht verheiratet, als sie im April 1883 ein Kurzwarengeschäft in Wiesbaden eröffnen. Für die damalige Zeit ein ungewöhnlicher Schritt – die Hochzeit folgt erst im September 1884. Das Paar hat drei Kinder: Theodora wird 1885, Adolf 1887 und Else 1892 geboren. So dokumentiert Klaus Flick die Geschichte der Familie Blumenthal auf seinem Blog zu den Judenhäusern in Wiesbaden.

Die hanseatische Verbindung nach Wiesbaden

Anzeige im Wiesbadener Tagblatt

Der Name des Geschäfts klingt nach großer weiter Welt: „Hamburger Engros-Lager, S. Blumenthal & Co.“ Der Bezug zu Hamburg ist kein Zufall. Aufgrund des Namens lässt sich auf eine Zusammenarbeit mit dem Unternehmen M.J. Emden in Hamburg schließen. M.J. Emden fungierte sowohl als eigenständiger Detailhändler mit zahlreichen Geschäften in ganz Deutschland, aber vor allem auch als Großhändler für andere kleinere Kaufmannsbetriebe. Diese können mit hoher Qualität, Exklusivität und günstigen Preisen werben. So beziehen die Blumenthals ihre Textil- und Kurzwaren ausschließlich vom Großhändler M.J. Emden und konnten somit „Einzel-Verkauf zu Fabrikpreisen“ bieten (siehe Anzeige im Wiesbadener Tagblatt, 15.04.1886, in der auch mit gleichartigen Geschäften in zahlreichen Städten und eigenen Einkaufshäusern geworben wird). 

Ein Blick nach Berlin: Was Jandorf und Blumenthal einte

Wie verbreitet das Modell war, zeigt ein Blick nach Berlin: Adolf Jandorf, der spätere Gründer des KaDeWe, eröffnet 1892 sein erstes Geschäft in Berlin ebenfalls unter dem Namen „Hamburger Engros-Lager“ mit dem Zusatz Adolf Jandorf – das Ganze frecherweise, obwohl er eigentlich ein Geschäft unter dem Namen M.J. Emden eröffnen soll. Als im selben Jahr in Hamburg eine Cholera-Epidemie grassiert, verschwindet der Städtename schnell aus dem Firmennamen, da sich die Nennung als geschäftsschädigend auswirkt. 

Der große Triumph im Jahr 1906: Neubau in der Kirchgasse

Blumenthals nutzen den Zusatz „Hamburger Engros-Lager“ definitiv länger. Die Jahrzehnte um die Jahrhundertwende laufen gut. Die Kurstadt Wiesbaden ist der ideale Standort. Kein Ruß, keine Fabrikviertel – dafür ein kaufkräftiges Publikum aus aller Welt. Aus dem Kurzwarengeschäft wird ein wachsendes Unternehmen. Und 1906 folgt der sichtbarste Beweis dafür: ein Kaufhaus-Neubau in der Kirchgasse. Das Hamburger Engros-Lager ist Geschichte – von nun an gehen die Wiesbadenerinnen und Wiesbadener und ihre Kurgäste ins Kaufhaus Blumenthal.

→ Wie geht es weiter?

Der prachtvolle Neubau steht und erfreut sich höchster Beliebtheit. Die Kunden und Kundinnen strömen herbei – ob Arbeiter oder Adelige, ob jung oder alt, aus nah und fern. Das Kaufhaus Blumenthal ist das „größte am Platze“, die Familie Blumenthal wird zu einem angesehenen Teil der Wiesbadener Gesellschaft. Sie ist auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs angekommen.

Weiter zu Teil 2: Wie der Glanz der Kurstadt seinen Höhepunkt erreicht und die Familie Blumenthal mit diesem Rückenwind zum wichtigsten Kaufhaus Wiesbadens aufsteigt (1906-1914).

Janine Seitz 

Quellen: