Kaufhaus, Kulturort, Kulturzeit: Das Museum für Konsumkultur bei 3sat
Diese Woche war die Pop-up-Ausstellung „KONSUM und ICH – Vom Warenhaus zur Shopping-App” zu Gast bei Kulturzeit auf 3sat – im Rahmen eines Beitrags zur World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026. Zahlreiche Projekte in der Region setzen sich mit der Frage auseinander, wie Design zur Demokratie beitragen kann.
Screenshot aus der Sendung Kulturzeit vom 22.06.2026 auf 3sat
Der Beitrag in der Kulturzeit schwenkt dabei auch nach Wiesbaden: Was die Initiatorin des Museums für Konsumkultur und Zukunftsforscherin Janine Seitz dort gesagt hat, bringt auf den Punkt, warum es diese Ausstellung gibt: Kaufhäuser waren nie nur Orte zum Einkaufen. Sie waren Treffpunkte. Orte, an denen Lesungen stattfanden, Ausstellungen, Konzerte. An denen man verweilte, sich unterhielt, ein Buch las, kurz eine Verschnaufpause einlegte. Gesellschaftliche Räume – mitten in der Stadt. Kaufhäuser war offen für alle.
Genau das haben wir im WerkRaum Wiesbaden wiederentdeckt. Auf der Ausstellungsfläche in einem ehemaligen (Sport-)Kaufhaus in der Langgasse mitten in der Fußgängerzone, stellen wir die Fragen: Was hat Konsum mit uns gemacht? Was macht er heute mit uns? Und was wollen wir morgen damit anfangen?
Die große Frage hinter den ganz persönlichen und individuellen Aspekten, über das eigene Konsumverhalten nachzudenken, ist die Frage danach, wie Konsum heute und morgen (wieder) zu Demokratie beitragen kann.
Kuratorinnen-Führungdurch die Ausstellung KONSUM und ICH
Samstag, 18. Juli · 14 Uhr · ca. 60 Min.
Was verraten unsere Einkäufe über uns? Und was hat Konsum mit Demokratie zu tun?
Janine Seitz, Kuratorin der Schau und Initiatorin des Museums für Konsumkultur, führt durch die Ausstellung.
Der Bogen spannt sich von der Plastiktüte als Erinnerungsstück an die Welt vor dem Onlineshopping über die Wiesbadener Warenhausgeschichte bis hin zum modernen Massenkonsum.
Mit Aha-Erlebnissen, Mitmach-Momenten und viel Raum für Austausch.
FutureThinking-Workshop zur Zukunft des Einkaufens
Einkaufen neu denken
Freitag, 14. August · 15:00-17:30 Uhr
Wühltisch, Schaufenster, Umkleidekabine, Kasse: Der stationäre Handel hat seine feste Ordnung. Doch mit dem Umbruch des Einzelhandels wird auch diese Ordnung in Frage gestellt. Wie kann das Einkaufserlebnis der Zukunft aussehen? Und kann Digitalität eingesetzt werden, um das analoge Shopping wiederzubeleben?
In diesem Workshop nehmen wir die klassischen Zonen eines Ladengeschäfts unter die Lupe: Jede Station steht für eine Frage – nach Warenpräsentation, Kaufverführung, Bezahlvorgang, dem Moment vor und nach dem Kauf. Was vermissen wir? Was wollen wir gar nicht zurück? Und was soll neu gedacht werden?
Wir alle sind Konsumentinnen und Konsumenten – und genau das ist der Ausgangspunkt. Der Workshop lebt von euren Perspektiven und Erfahrungen, egal ob ihr aus dem Handel kommt, in der Stadtplanung arbeitet, Design studiert oder einfach Lust habt mitzudenken.
Die Ergebnisse werden greifbar: Jede Gruppe entwickelt ein Moodboard auf einer gestalteten Einkaufstasche – als Objekt, das anschließend in der Ausstellung zu sehen sein wird.
Geleitet wird der Workshop von Judith Block, Zukunftsforscherin und Produktdesignerin bei The Future:Project.
„Schließ heute ein Kaufhaus zu, öffne die Tür nach hundert Jahren – und du hast ein Museum moderner Kunst.“
Andy Warhol, 1985
Wenn wir heute ein Kaufhaus schließen, hätten wir dann auch in 100 Jahren noch ein Museum? Was würden wir darin sehen? Ist das, was es dort gibt, bewahrenswert? Oder bewahren wir einfach nur noch Leere, marode Technik, bröckelnde Fassaden?
Als das Kaufhaus noch die Zukunft war: Die 1980er und der Konsumrausch
Als der Pop-Art-Künstler Andy Warhol Mitte der 1980er Jahre das Kaufhaus mit einem Museum für moderne Kunst verglich, strauchelten einige Konzerne zwar auch bereits und doch präsentierten sich Kaufhäuser als die Orte der neuesten Trends und Mode. Sie verkörperten die moderne Konsumgesellschaft par excellence. Individuelle Massenwaren erschwinglich für jedermann und jederfrau. Alles im Überfluss. Natürlich wäre ein Kaufhaus in den 1980ern auch nur eine Momentaufnahme des Zeitgeistes: Schrill-bunte Popkultur in Reinform. Schulterpolster und Leggings, Oversized und Neonfarben, Vokuhila und Dauerwellen. Frei nach dem Motto: Mehr ist Mehr!
Zeitkapsel Warenhaus: Von Moonboots und postapokalyptischer Nostalgie
Mir kommt eine Erinnerung an die BBC-Serie „The Tripods – Die dreibeinigen Herrscher“ (1984/85) in den Sinn: In einer Folge stolpern die drei Freunde in Paris in ein altes Kaufhaus. Alles wirkt morbide und doch zugleich moderner und näher, als das Leben, das die Jugendlichen bislang führen mussten, in einer postapokalyptischen, mittelalterlich-anmutenden Zukunft. Mit vielen Dingen wissen sie gar nichts anzufangen – und verlassen das Kaufhaus schließlich mit coolen 80er-Jahr-Klamotten inklusive Moonboots.
Vom Gebrauchsgegenstand zum Museumsobjekt: Alltagskultur im Wandel
Geht es heute immer noch so sehr um die Waren? Oder eher um die Kultur, also wofür die Kaufhäuser als Institutionen stehen? Wir stellen uns eher die Frage, was wir mit den Produkten machen – und wissen wir in 100 Jahren noch um ihren Nutzen oder sind sie in Vergessenheit geraten oder obsolet geworden. So wie ein Walkman heute längst ein Museumsobjekt geworden ist, werden Alltagsgegenstände erst nutzlos und dann wieder als Ausstellungsstücke wertvoll. Dabei sagen Objekte per se wenig aus, es geht um ihre Geschichten, um die Erlebnisse, die mit ihnen verbunden waren – um ihre Nutzung durch die Menschen.
Wenn wir heute hier Plastiktüten ausstellen, bewegen wir uns aktuell noch zwischen der Debatte um Wegwerfartikel und Umweltverschmutzung sowie Designobjekte und Zeitgeistphänomen. Sie erzählen die Geschichten des Massenkonsums der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und werden gerade zu Relikten einer vergangenen Zeit.
Ausblick: Die Geschichte des modernen Konsums
Schade, dass wir nicht schon vor 40 Jahren einfach mal ein Kaufhaus geschlossen haben mit all seinem Inhalt. Wir hätten heute schon ein Museum! So sammeln wir und kuratieren wir. Dinge, Orte und Technologien. Und erzählen die Geschichten der Menschen hinter den Objekten, Innovationen und Fassaden. Denn nur so werden sie lebendig.
In diesem Blog nehmen wir euch mit auf eine Reise durch die Geschichte des modernen Konsums: Von den Anfängen der Warenhäuser im 19. Jahrhundert und deren Höhepunkt in der Weimarer Republik über die Arisierungen der NS-Zeit und die Aufbruchsstimmung des Wirtschaftswunders bis hin zum Konsum in Ost und West – geprägt durch die geteilte Geschichte von DDR und BRD – sowie dem Aufstieg des Internethandels.
Heute wirken sie wie Relikte aus einer anderen Zeit. Dabei ist es noch gar nicht lange her: Seit 2016 gibt es sie im Handel nicht mehr kostenlos, erst seit 2022 sind Einweg-Plastiktüten in Deutschland weitgehend verboten. Was als praktischer Alltagshelfer begann, wurde zum Symbol der Wegwerfkultur.
Die Tüten erzählen die Konsumgeschichte der letzten 60 Jahre – in Farbe, Form und Firmenlogo.
In ganz Deutschland? Ja, allerdings waren Plastiktüten in der BRD viel verbreiteter als der „Plastebeutel” in der DDR.
Wie alles begann
1961 führte der Kaufhauskonzern Horten die Tragetasche aus Polyethylen ein – damals noch als sogenannte „Hemdchentüte“. Andere Warenhäuser zogen schnell nach, darunter Kaufhof ab Mitte der 1960er-Jahre.
Die Hemdchentüte hat ihren Namen von ihren Henkeln, die den Trägern eines Unterhemds ähneln. Mit ihr startete der Siegeszug der Plastiktüten für den Massenmarkt.
Übrigens: Einer der Erfinder des „Hemdchen-Prinzips“ für Verpackungsbeutel war die Firma RUMA aus Wiesbaden-Dotzheim.
Doch schon nach wenigen Jahren wurde sie weitgehend von der stabileren Reiterbandtasche abgelöst – im Grunde die klassische Plastiktüte (wie wir sie kennen) mit verstärktem Trage-Eingriff. Beinahe immer und überall gab es sie kostenlos zum Einkauf dazu.
Vom Fortschritt zum Problem
32
Plastiktüten pro Kopf im Jahr – 1975
76
Plastiktüten pro Kopf im Jahr – 2014
27
dünne Plastiktüten (z.B. für Obst, nicht verboten) pro Kopf im Jahr – 2023
Ab Mitte der 1970er-Jahre wurde der Jutebeutel hip: „Jute statt Plastik“ wurde zur Gegenbewegung zur Konsumgesellschaft.
Design und Zeitgeist
Plastiktüten waren günstig, praktisch – und perfekte Werbeträger.
In den 1970ern waren Einkaufstüten so bunt wie die Tapeten in den Wohnzimmern. Jedes Kaufhaus hatte seinen eigenen Look:
Horten übertrug seine berühmt-berüchtigte Kachelfassade auch auf das Tütendesign: blaue Dreiecke als abstraktes H für Horten.
Kaufhof setzte auf psychedelische Kreise – meist in klassischem Grün, manchmal auch in mutigem Pink.
Unvergessen ist die rot-blaue „Hertie-Sonne“, die in den 1970ern und 80ern bis zur Übernahme durch Karstadt 1994 über die Einkaufsstraßen strahlte.
Horten übertrug seine Kachelfassade auch auf die Tüten.Die Kreise waren typisch für Kaufhof – hier mal in Pink statt Grün. Auch das Logo von Hertie hat einen großen Wiedererkennungswert.
Auch Exklusivität ließ sich wunderbar nach außen in die Welt tragen: Die Tüte als Statussymbol.
KaDeWe: Hier wurde die Tüte zum Kunstobjekt. Gleich erkannt? Alltagsgegenstände wie Kartoffeln oder Pinsel wurden wie Stillleben inszeniert.
Wertheim zeigte Mitte der 1980er noch einmal sein ikonisches Original-Logo mit dem Globus auf dem „W“ aus den glanzvollen Anfangsjahren des Warenhauses.
Inszeniert wird hier selbst ein einfaches Lebensmittel wie die Kartoffeln. Das alte Wertheim-Logo findet sich auf einer modernen Tüte aus den 1980ern.
Im Osten: Plaste, Papier und Dederon
Wo es keinen Überfluss gab, waren auch Einwegtüten aus Plastik überflüssig. Stattdessen wurden in der DDR vor allem Papiertüten genutzt. „Plastebeutel“ waren begehrt und wurden so lange wie möglich wiederverwendet.
Die Handelsorganisation mit einer Tüte für Schallplatten. Farbenfroh präsentiert sich in der DDR das Centrum-Warenhaus.
Flowerpower: Die grafischen Muster der Papiertüten der Handelsorganisation (kurz HO) und ihrer Centrum Warenhäuser waren auffällig bunt – ein optischer Akzent im oft grauen Alltag.
Dederon-Netze: Ein besonderes Stück DDR-Alltagskultur. Die Einkaufsnetze aus der Polyamid-Kunstfaser Dederon waren extrem robust und dehnbar: es hieß, es passen bis zu 12 Bierflaschen hinein.
Im Westen bis zur Wende vergessen und von der Plastiktüte verdrängt, erlebt das Einkaufsnetz längst ein Comeback als umweltfreundliche Alternative – oft mit einem Hauch „Ostalgie“.
Die Einkaufstütensammlung ist eine Schenkung aus der Sammlung Portable Art / Heinz Schmidt-Bachem.
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