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Abschluss-Führung durch die Ausstellung KONSUM und ICH

Abschluss-Führung durch die Ausstellung KONSUM und ICH

Samstag, 31. Oktober 2026 · 16-17 Uhr

Kuratorin Janine Seitz führt Besucher:innen durch die Ausstellung KONSUM und ICH im WerkRaum Wiesbaden

Schwerpunkt: Geschichte der Warenhäuser in Wiesbaden

Was verraten unsere Einkäufe über uns?

Wie und wo haben die Menschen vor über 100 Jahren in Wiesbaden eingekauft?

Und was hat Konsum mit Demokratie zu tun?

Janine Seitz, Kuratorin der Schau und Initiatorin des Museums für Konsumkultur, führt zur Finissage des WerkRaum ein letztes Mal durch die Ausstellung „KONSUM und ICH – Vom Warenhaus zur Shopping-App“.

Der Bogen spannt sich von der Plastiktüte als Erinnerungsstück an die Welt vor dem Onlineshopping über die Wiesbadener Warenhausgeschichte bis hin zum modernen Massenkonsum.

  • WerkRaum Wiesbaden, Langgasse 5–9
  • Samstag, 31. Oktober · 16:00 Uhr (ca. 60 Min) – danach ab 18:00 Uhr offizieller Abschluss und Grußworte mit anschließender Party
  • Eintritt frei · Keine Anmeldung nötig

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Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten (Kaufhaus Blumenthal, #4)

Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten (Kaufhaus Blumenthal, #4)

Kaufhaus Blumenthal (Teil 4): Das tragische Ende einer Kaufhaus-Ära

Serien-Kompass

  • Kapitel 1: Kaufhaus Blumenthal (Teil 4 von 4)
  • Serie: Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten
  • Epoche: 1929–1945: Boykott, Enteignung, Verfolgung und Ermordung im NS-Regime

Wirtschaftskrise und Antisemitismus

Mit dem Beginn der 1930er Jahre bricht für das Kaufhaus Blumenthal die dunkelste Epoche an. Die Weltwirtschaftskrise trifft Deutschland besonders hart: Unternehmen müssen schließen, Banken gehen pleite. Auf dem Höhepunkt der Krise im Jahr 1932 sind sechs Millionen Deutsche arbeitslos. Die wirtschaftlichen Folgen belasten das Familienunternehmen Blumenthal ohnehin schwer, doch die eigentliche Gefahr ist ideologischer Natur. Was jahrelang als unterschwelliger Antisemitismus in Teilen der Gesellschaft schwelte, wird mit der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 zur Staatsdoktrin.

Der organisierte Hass und das große Schweigen

Von Beginn an wird der Antisemitismus von der NSDAP geschürt und nun auch von der Regierung in die Tat umgesetzt: Beim generalstabsmäßig geplanten „Judenboykott“ am 1. April 1933 postieren sich deutschlandweit SA-Posten vor den Warenhäusern. Ziel ist die systematische Verdrängung der Deutschen jüdischen Glaubens aus dem Wirtschaftsleben. 

Auch in Wiesbaden werden gezielt jüdische Geschäfte, Rechtsanwaltskanzleien und Arztpraxen boykottiert: Die meisten haben ihre Läden an diesem Samstag (oder generell samstags) geschlossen, sodass die SA vor verschlossenen Türen postiert. Man findet teilweise Schilder mit der Aufschrift „Meidet Warenhäuser und jüdische Ramschbasare!“, „Achtung Boykott!“ oder „Keinen Pfennig den Juden“. Weiter vermeldet das Wiesbadener Tagblatt in seiner Sonntagsausgabe vom 2. April 1933 „Keine Störungen“ durch den Boykott. 

Was vom Nassauer Volksblatt, dem Sprachrohr der NSDAP, als Aktion beschrieben wird, die in „vollkommener Ruhe und Ordnung“ verlief, zeigt sich in der Realität als eine Mischung aus Neugier und Passivität der Menschen, sozusagen die schweigende Masse: Viele gehen auf die Straße und schauen, was da gerade passiert, andere ignorieren das Geschehen, einzelne äußern ihren Unmut, die wenigsten unterstützen es aktiv. Es war das große Schweigen der Mehrheit, auf das die radikale Judenverfolgung aufbaute.

Rassenwahn und Umsatzeinbruch

Ein absurder Nebeneffekt des Rassenwahns, der sich nicht nur in Wiesbaden zeigt: Warenhäuser stehen unter dem Pauschalverdacht „jüdisch“ zu sein. So versammelt sich eine neugierige Menschenmenge rund um das geöffnete Warenhaus Karzentra auf dem Mauritiusplatz. Gegen Mittag wird ein Aushang gemacht: das Haus gehöre mittlerweile zu Karstadt und werde daher nicht boykottiert. Das Unternehmen Karstadt entlässt mit dem Datum 1. April 1933 seine jüdischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fristlos. Und gilt von nun am mit seinem christlichen Warenhausgründer Rudolph Karstadt als „arisch“ und wird von der NS-Regierung geschützt und unterstützt. 

Zu diesen Boykottaufrufen kommen behördliche Schikanen, gezielte Kreditverweigerungen und eine hasserfüllte Propaganda in der mehr und mehr gleichgeschalteten Presse. Unter diesen Bedingungen bricht der Umsatz des einst so florierenden Warenhauses Blumenthal, das vor 40 Jahren als kleines Kurzwarengeschäft begann, dramatisch ein; das Haus kann keine Gewinne mehr erzielen.

Die erzwungene Übergabe: „Arisierung“ zum Nulltarif

Im August 1935 wird der wirtschaftliche und psychische Druck auf die Familie existenziell. Adolf Blumenthal und seine Mutter Julchen sehen keinen Ausweg mehr: Sie müssen das Kaufhaus übergeben. Übernommen wird das Unternehmen von Erich Krüger, der kurz zuvor schon als Geschäftsführer eingesetzt worden war, und dem Kaufmann Karl Brandt aus Köln: die Firma Krüger & Brandt wird am 2. September offiziell gegründet. Eine echte Bezahlung für ihr Lebenswerk erhält die Familie Blumenthal nicht; die neuen Besitzer übernehmen lediglich die aufgelaufenen Schulden in Höhe von 600.000 Reichsmark.

Das stolze Kaufhaus Blumenthal wird einfach ausradiert. Das Nassauer Volksblatt hetzt am 6. September 1935 voller Häme: „Blumenthal am Ende“. Die neuen Inhaber reduzieren das Sortiment radikal und nennen sich fortan nicht mehr Warenhaus, sondern „Textil- und Modehaus Krüger & Brandt“. Im Jahr 1943 schließt die NSDAP das Gebäude in der Kirchgasse endgültig und zweckentfremdet die Etagen als militärische Luftkommando-Stelle. Krüger & Brandt werden zu einem Kriegsgemeinschaftsbetrieb in die Langgasse 32 verlegt. Dort bleiben sie auch nach dem Krieg, bis sie 1950 in die Langgasse 52-54 (Ecke Webergasse) umziehen.

Die trügerische Sicherheit: Das Schicksal der Familie im Exil

All das erleben Julchen, Adolf und seine Frau Irma Blumenthal nicht mehr. Sie sind bereits tot. Klaus Flick dokumentiert das Schicksal der Familie detailliert. Adolf und Irma fliehen bereits Ende 1935 nach Amsterdam, wo sie eine Pension für andere Geflüchtete betreiben. Ihre Töchter Ruth und Ellen hatten sie zuvor schon auf eine Privatschule nach England geschickt, dann leben sie wieder gemeinsam in Amsterdam. Klaus Flick dokumentiert das Schicksal der Familie detailliert.

Die permanente Angst und die Flucht setzen Irma Blumenthal schwer zu; sie erleidet einen Nervenzusammenbruch und rutscht in tiefe Depressionen. 1938/39 wird sie in eine psychiatrische Klinik außerhalb von Amsterdam eingewiesen. Bis zum Einmarsch der Nazis in die Niederlande im Mai 1940 können Mann und Töchter sie regelmäßig besuchen, danach schränkt das Besatzungsregime die Bewegungsfreiheit drastisch ein. Von der jüdischen Klinik in Apeldoorn wird sie im Januar 1943 ins KZ Auschwitz deportiert und direkt nach ihrer Ankunft am 25. Januar 1943 ermordet.

Ihren Ehemann ereilt ein ähnlich grausames Schicksal: Im April 1943 wird er verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork verschleppt. Am 13. Juli 1943 folgt die Deportation in das Vernichtungslager Sobibor. Nur drei Tage später, am 16. Juli 1943, wird er dort vergast.

Die beiden Töchter überleben den Holocaust wie durch ein Wunder: Ruth taucht in den Untergrund ab und übersteht die Kriegsjahre unter falschem Namen als Dienstmädchen bei einer Familie in den Niederlanden. Ellen gelingt es, dass sie als „Halbjüdin“ anerkennt wird und kann so der Deportation entgehen.

Das letzte Zimmer in der Heimat

Wie viele ältere Menschen jüdischen Glaubens will auch Julchen Blumenthal die beschwerliche Flucht aus ihrer Heimat und einen möglichen Neuanfang in einem fremden Land zunächst nicht auf sich nehmen. 1938/39 plant sie dann aber doch ihre Ausreise aus Nazideutschland und veräußert große Teile ihres Besitzes – natürlich als Jüdin immer weit unter Wert. Was ihre Ausreise dann doch verhindert, ist unklar. Nachdem sie mehrere Jahre in einer Pension gelebt hat, wird sie im April 1942 in ein Judenhaus umquartiert. Am 3. Juli 1942 wählt die 82-Jährige den letzten, tragischen Ausweg: Sie nimmt sich in ihrem Zimmer mit Gift das Leben.

Die Zukunft des Kaufhauses

Das Gebäude des ehemaligen Kaufhauses Blumenthal übersteht die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs in der Wiesbadener Innenstadt fast unbeschadet. Im Jahr 1947 dient der einstige Konsumpalast als Ausstellungsort für die große „Leistungsschau der Hessischen Wirtschaft“, bevor das Haus 1948 vom Karstadt-Konzern übernommen wird. Damit schließt sich das Kapitel der Gründerfamilie Blumenthal endgültig – und ein neues Kapitel der Kaufhäuser in Wiesbaden beginnt.

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Janine Seitz 

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Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten (1/3)

Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten (1/3)

Kaufhaus Blumenthal (Teil 3): Ein Kaufhaus in Kriegs- und Krisenzeiten

Serien-Kompass

  • Kapitel 1: Kaufhaus Blumenthal (Teil 3 von 4)
  • Serie: Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten
  • Epoche: 1914 – 1929: Generationswechsel, Goldene Zwanziger und Weltwirtschaftskrise

Generationswechsel im Schatten des Umbruchs

Nach den glanzvollen Anfangsjahren leiten veränderte Besitzverhältnisse eine neue Ära ein. 1910 wird Seligmann Blumenthal alleiniger Inhaber der Firma, ein Jahr später steigt sein Sohn Adolf als Prokurist fest in die Leitung ein.

Im Jahr 1918, das mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Ausrufung der Republik in Deutschland eine historische Zäsur markiert, übernimmt der erst 30-jährige Adolf schließlich als persönlich haftender Gesellschafter die volle Verantwortung für das Unternehmen. Es ist ein Erbe voller Hürden. Das Ende der Kaiserzeit trifft die Kurstadt hart: Kaiser Wilhelm II., der bis 1914 Wiesbaden regelmäßig besuchte, bleibt aus – und mit ihm die kaufkräftigen Kurgäste aus dem europäischen Hochadel.

Abschied und Familienglück in turbulenten Zeiten 

Die tiefgreifenden Veränderungen spiegeln sich auch im Privaten wider. Adolf Blumenthal und seine Verlobte Irma Rosenthal stecken mitten in den Hochzeitsplanungen, als Senior-Chef Seligmann im August 1919 mit 65 Jahren überraschend verstirbt. Die Wiesbadener Neuesten Nachrichten würdigen in ihrem Nachruf den „weitsichtigen Blick“ des Gründers, mit dem er sein Unternehmen „aus kleinen Anfängen heraus zu einem der ersten Geschäftshäuser unserer Stadt“ gemacht habe.

Das Paar heiratet trotz der Trauer im Oktober 1919. Bald darauf zieht neues Leben ein: Am 27. August 1920 wird Tochter Ruth Dorothea geboren, am 16. September 1922 ihre Tochter Ellen.

Zwischen Existenzkampf und sozialer Verantwortung

Das Familienglück im Hause Blumenthal steht im krassen Gegensatz zur dramatischen politischen und wirtschaftlichen Lage der Weimarer Republik. Das Jahr 1923 bringt die Hyperinflation: Das Geld verfällt rasend schnell, Ersparnisse sind plötzlich nichts mehr Wert. Viele Menschen können sich nicht einmal mehr das Nötigste leisten und leiden bittere Armut. Adolf Blumenthal schaut nicht weg: Er engagiert sich sozial und wird aktiver Teil der „Wiesbadener Notgemeinschaft“, die mit eindringlichen Aufrufen Spenden für die hungernde Bevölkerung sammelt.

Blumenthal wirbt für die neuen Herbst-Moden zur zwanglosen Besichtigung.

Gleichzeitig fordert die Krise das kaufmännische Geschick der Familie heraus. Gemeinsam mit seiner Mutter Julchen, die als Kommanditistin ein Viertel der Gewinne hält, navigiert Adolf das Kaufhaus durch die krisengebeutelten frühen 1920er-Jahre. Um sich den schmalen Geldbeuteln der Menschen anzupassen, wirbt das Haus mit praktischen Schnittmustern zum Selbernähen oder mit Einkochgläsern, Dörapparaten und Steinzeugtöpfen für die Selbstversorgung. Ein Herzstück bleibt die alljährliche Puppen-Klinik und Reparatur-Werkstatt in der Vorweihnachtszeit, in der Spielzeug und Maschinen fachmännisch wieder hergerichtet werden. Man lädt zur „zwanglosen Besichtigung“ der neuesten Mode ein, „auch wenn kein Kauf beabsichtigt ist“ (Wiesbadener Tagblatt, 19.09.1920).

Der (kurze) Aufschwung der „Goldenen Zwanziger“

Die Ausdauer zahlt sich aus: Ab 1924 wirbt Blumenthal wieder selbstbewusst im Wiesbadener Bade-Blatt als „größtes Kaufhaus am Platze“, der Kurbetrieb zieht allmählich wieder an. Das Konzept geht auf: Das Haus floriert in der Mitte der Zwanziger Jahre, beschäftigt im Schnitt 250 Angestellte und erwirtschaftet jährliche Umsätze zwischen fünf und acht Millionen Reichsmark, dokumentiert Klaus Flick.

Dieser Erfolg lässt die Familie mutig in die Zukunft blicken. Im Jahr 1928, auf dem absoluten Höhepunkt der wirtschaftlichen Erholung, wagt man den nächsten großen Schritt: Das monumentale Jugendstilgebäude in der Kirchgasse wird um zwei moderne Flügel erweitert. Es scheint, als stünde dem Kaufhaus Blumenthal eine goldene Zukunft bevor.

Der Crash von 1929 und seine Folgen

Doch das Hochgefühl ist von kurzer Dauer. Im Oktober 1929 bringt der New Yorker Börsencrash die Weltwirtschaft ins Wanken und trifft das konsumabhängige Warenhaus Blumenthal mit voller Wucht. Die Umsätze gehen in der Folgezeit katastrophal zurück, die Kosten lassen sich kaum senken, und in den Bilanzen stehen bald zehntausende Reichsmark Verlust.

→ Wie geht es weiter?

Nicht nur die wirtschaftlichen Verluste in Folge der Wirtschaftskrise setzen dem Familienunternehmen zu. Schon in den Jahren zuvor kam es immer wieder zu antisemitischen Anfeindungen gegenüber den großen Warenhäusern. Mit dem Aufstieg Hitlers und der Nazis wird dieser Hass nun systematisch geschürt. Was als wirtschaftlicher Druck begann, wird bald zur existenziellen Bedrohung für Leib und Leben. 

Weiter zu Teil 4: Wie die Familie Blumenthal ihre dunkelsten Zeiten durchlebt und unter dem NS-Regime enteignet, verfolgt und ermordet wird (1929–1945).

Zurück zu Teil 2

Janine Seitz 

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Neue Ausstellung kaufrauschen

Neue Ausstellung: kaufrauschen

17. Oktober – 27. November 2026
Museum für Konsumkultur meets Galerie Leander Rubrecht

Vernissage

am Freitag, 16. Oktober 2026 um 18:30 Uhr
Einführung: Janine Seitz M.A., Kuratorin des Museums für Konsumkultur

Im Westen ging man „shoppen“, im Osten zum „Konsum“. Konsumiert wurde sowohl in der BRD, als auch in der DDR – allerdings komplett unterschiedlich. 

Während man sich im Westen berauschen konnte an Vielfalt und Überfluss, nahm man im Osten eher ein Rauschen wahr – eine diffuse Sehnsucht nach etwas, von dem man gar nicht wusste, ob man es brauchte. Man wollte diesem Rauschen näherkommen, Teil davon werden: der glitzernden Konsumwelten, der rauschenden Dinnerpartys, der unbegrenzten Möglichkeiten. Raus aus der sozialistischen Wartegemeinschaft, rein in die kapitalistische Konsumgesellschaft. So lässt sich die „friedliche Revolution“, die zum Fall der Mauer führte, auch als Konsumrevolution lesen.  

In den beiden Teilen Deutschlands herrschte ein Kontrast, wie er größer kaum sein könnte: Die Ökonomie des Überflusses, entsprungen aus dem westdeutschen Wirtschaftswunder, und die Ökonomie des Mangels, ausgelöst durch die Planwirtschaft, die auf Grundversorgung setzte.

Die Ausstellung kaufrauschen verknüpft historische Objekte und Alltagsgegenstände mit Positionen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler zum Thema Konsum. 

Die Highlights der Ausstellung

Sehnsuchtsort KaDeWe
Als großer Sehnsuchtsort galt das KaDeWe im geteilten Berlin: Kevin Clarke taucht dort 1978/79 als Fotograf ein und hält Verkäuferinnen und Verkäufer, Produkte und ihre Präsentation fest – subtil, ironisch und eigenwillig. 

Skulpturaler Luxus
Die Holzskulpturen der Wiesbadener Bildhauerin Christiane Erdmann setzen nicht nur Damenhandtaschen auf einen Sockel, sondern enthüllen auch ihren verlockenden, intimen Inhalt. Und geben damit einen Blick auf den zur Schau getragenen Wohlstand der Frau frei.

Das Versprechen der Eleganz
Die Perlenkette gilt als Inbegriff des Schönen. Die Künstlerin Elisabeth Mehrl stellt Schmuckstücke in den Fokus ihrer Malerei und fragt nach den Versprechen, die daran hängen. Überträgt sich nicht auch Reinheit und Eleganz der Perlen und Edelsteine auf die Person, die sich mit ihnen schmückt?

Design-Ikonen & Bausünden
Felix Kern gibt den Alu-Kacheln, die die Kaufhäuser von Helmut Horten schmückten, eine neue Funktion als Designobjekte. Sein Lichtobjekt HELLMUT setzt sie in ein anderes Licht. Bis heute sorgen die Horten-Kacheln für Diskussion: Die einen empfinden sie als ikonisch und als ein gelungenes Beispiel für architektonisches Corporate Design, die anderen sehen die Kaufhäuser mit ihrer verhüllten Fassade als Bausünden und Symbol für Gleichförmigkeit.

Kult-Objekt und Wegwerfartikel
Aus der Schenkung der Sammlung Portable Art / Heinz Schmidt-Bachem sind ausgewählte, gerahmte Einkaufstüten sowie Kleidungsstücke aus Plastiktüten zu sehen – Zeugnisse eines Materials, das im Westen zum Wegwerfartikel wurde. Im Osten hingegen war der „Plastebeutel“ ein begehrtes, weil seltenes Objekt und wurde möglichst lange wiederverwendet. Diesen gab es nur zu besonderen Anlässen. Im Alltag griff man zum Dederon-Beutel oder zum Einkaufsnetz, liebevoll auch Falls-Beutel genannt, den man immer dabei hatte – falls es etwas gibt.

kaufrauschen lädt dazu ein, diesen Objekten und Kunstwerken ganz nah zu kommen – und dabei die eigene Sehnsucht nach dem nächsten Kauf noch einmal neu zu befragen. Lassen Sie sich anstecken, irritieren und inspirieren vom ewigen Rausch(en) des Konsums!

Vernissage 16. Oktober 2026 um 18:30 Uhr

Galerie Leander Rubrecht
Büdingenstraße 4-6
65183 Wiesbaden
Ausstellungsdauer: 17.10.-27.11.2026
Öffentliche Besichtigungen von Mi-Fr 14-18 Uhr und nach persönlicher Vereinbarung, Tel. 0176-816 650 31
rubrecht-contemporary.com

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Stadtrundgang zu Wiesbadens Warenhäusern

Stadtrundgang zu Wiesbadens Warenhäusern

Samstag, 10. Oktober · 14-15:30 Uhr

Das Warenhaus Julius Bormass am Mauritiusplatz um 1910.
Foto: StadtA WI, PK 2150, Verlag Bormass, gemeinfrei

Bormass, Blumenthal, Horten, Hertie: Der Stadtrundgang führt zu den einstigen Warenhäusern in Kirchgasse und Langgasse, einst das pulsierende Herz der Wiesbadener Warenhaus-Welt. Doch was ist aus dem Glanz der „Kaufhaus-Meile“ geworden?

Begleiten Sie die Expertin für Konsumkultur Janine Seitz auf einer Spurensuche durch die Fußgängerzone. Wir blicken hinter die Fassaden – vom Jugendstil-Prunk über die schmerzhafte Geschichte der „Arisierung“ während der NS-Zeit bis hin zum Wirtschaftswunder und dem aktuellen Leerstand. Wir halten an den Orten inne, an denen jüdische Familien einst das moderne Einkaufen erfanden, bevor sie verfolgt und enteignet wurden.

Ein Stadtrundgang zum Wandel des Konsums – und zu den Geschichten der Menschen in Wiesbaden, die ihn prägten.

  • Wo: WerkRaum Wiesbaden, Langgasse 5–9 
  • Wann: Sa., 10. Oktober 2026 · 14-15:30 Uhr
  • Führung: Janine Seitz, Expertin für Konsumkultur
  • Treffpunkt: Ausstellung „KONSUM und ICH“ im WerkRaum Wiesbaden mit anschließendem Spaziergang über den Mauritiusplatz zu den Kaufhäusern Karstadt, Kaufhof und zum LuisenForum 
  • Empfohlener Beitrag: 5 Euro – zahle, was du kannst
    Unter 18 Jahren: kostenlos · Gruppen auf Anfrage
  • Anmeldung erbeten (begrenzte Plätze) an info@konsummuseum.de oder telefonisch 0176-99806148
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Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten (1/2)

Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten (1/2)

Kaufhaus Blumenthal (Teil 2): Neuer Warenhauspalast in Wiesbaden

Serien-Kompass

  • Kapitel 1: Kaufhaus Blumenthal (Teil 2 von 4)
  • Serie: Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten
  • Epoche: 1906 – 1914: Der Prachtbau und der kaiserliche Glanz

Prachtbau auf schwierigen Untergrund

1906 können die Blumenthals einen monumentalen Erfolg feiern und ganz Wiesbaden feiert mit. Die Kurstadt hat nun ihr zweites großes Warenhaus: Nach dem Haus Bormass auf dem Mauritiusplatz eröffnet das Kaufhaus Blumenthal nur wenige Meter entfernt in der Kirchgasse 39–41. Errichtet wurde der Prachtbau auf dem früheren Grundstück des Hotels und Restaurants Nonnenhof.

Der Bau erweist sich im Vorfeld als echte Ingenieursleistung. Der Wiesbadener Untergrund ist tückisch – kaum verwunderlich bei den zahlreichen unterirdischen Thermalquellen der Stadt. Um das schwere Gebäude dauerhaft zu sichern, müssen massive Trägerroste in Beton gegossen und aufwändige Brunnenfundierungen tief im Boden versenkt werden. Doch der Aufwand lohnt sich.

Stunden vor der Eröffnung stehen sie Schlange 

„Ein neuer Warenhauspalast“ titelt der Wiesbadener General-Anzeiger am 25. März 1906 voller Vorfreude. Als sich am Samstag, dem 31. März 1906, die Tore um Punkt 11 Uhr endlich öffnen sollen, herrscht in der Kirchgasse längst Ausnahmezustand. Schon Stunden zuvor sammeln sich die Menschenmassen auf den Gehwegen: „Leute aus allen Bevölkerungsschichten, Damen und Herren, Kinder und Greise und Greisinnen warteten in lebhafter Unterhaltung auf den großen Moment”, schreibt das Wiesbadener Tagblatt beeindruckt in seiner Abendausgabe. 

Marmor, Bronze und ein Lichthof zum Staunen

Beim Betreten sind die Menschen nicht nur vom schier endlosen Warenangebot überwältigt, sondern vor allem von der überbordenden Inneneinrichtung. Besticht das Gebäude bereits von außen mit seiner edlen Fassade aus Eltmanner Sandstein, offenbart sich im Inneren echter Luxus: So erblickt das staunende Auge einen Lichthof, der durch alle drei Etagen und das Erdgeschoss reicht, teils vergoldete Stuckverzierungen und eine beeindruckende Haupttreppe aus feinstem Marmor, flankiert von kunstvollen Gittern aus Bronze. Alles wirkt luftig, hell und mondän.

Technik vom Feinsten

Wer keine Treppen steigen möchte, kann einen der zwei hochmodernen Aufzüge nutzen. Bis zu zehn Personen fasst eine Kabine aus poliertem Ahorn mit Spiegelglas – und natürlich gibt es einen Fahrstuhlführer, der die Knöpfchen bedient.

Das Haus befindet sich technisch auf dem absolut neuesten Stand. Eine Zentralheizung sorgt für wohlige Wärme, und besonders die innovative Fußbodenheizung im Eingangs- und Ausgangsbereich wird in den Zeitungsberichten überschwänglich gelobt. Auf allen Etagen befinden sich Toiletten für Damen und Herren. 36 Bogenlampen am äußeren des Gebäudes sorgen dafür, dass die Jugendstilfassade auch am Abend und bei Nacht zur Geltung kommt. Insgesamt ist das Haus mit 2.000 Glühbirnen, 160 Bogenlampen und 20 Ventilatoren ausgestattet. Der Wiesbadener General-Anzeiger vom 30. März 1906 jubelt über „Mehr Licht“ für die Stadt und den steigenden Strombedarf.

Komfort für 300 Angestellte

Dass für den „König Kunde“ alles perfekt inszeniert ist, ist die eine Sache. Doch wie steht es mit dem Personal? Laut Wiesbadener General-Anzeiger arbeiten im neuen Haus 225 Mitarbeiterinnen und 75 Mitarbeiter. Im Souterrain stehen für sie zahlreiche Garderoben, Toiletten und Waschtische bereit. Hinzu kommen eigene Frühstücksräume und eine Kantine. Als besonders sozial und fortschrittlich gilt der geregelte Ladenschluss um 20 Uhr.

Skandal um nackte Figur: Die gerettete Sittlichkeit

Eine Anekdote am Rande spiegelt den moralischen Geist zur Jahrhundertwende treffend wider: Der Wiesbadener General-Anzeiger bringt zur Eröffnung ein satirisches Gedicht in bayerischer Mundart – „Die gerettete Sittlichkeit“. Was war passiert? Das konservative, katholisch geprägte Wiesbadener Volksblatt hatte sich im Vorfeld darüber empört, dass im Treppenfenster des Neubaus eine nackte, allegorische Figur angebracht ist. Würde man dort nun etwa auch noch anrüchige Spitzenkorsetts verkaufen? Eine Frauenfigur im Inneren schien sogar vollständig unbekleidet zu sein – und hieß obendrein „Frau Mode“! Ein handfester Skandal, den der Verfasser des Gedichts mit feiner Ironie aufs Korn nimmt.

→ Wie geht es weiter?

Der Jugendstil-Palast strahlt im Glanz der kaiserlichen Kurstadt. Doch die dunklen Wolken des Ersten Weltkriegs werfen bereits ihre Schatten voraus. Erfahre im nächsten Kapitel, wie ein junger Chef das Erbe antritt und das Familienunternehmen durch die stürmischen und alles andere als goldenen Zwanziger-Jahre navigiert.

Weiter zu Teil 3: Wie die Familie Blumenthal mit ihrem Kaufhaus den Ersten Weltkrieg, die Hyperinflation und die 1920er meistert (1914–1929).

Zurück zu Teil 1

Janine Seitz 

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Kaufhaus, Kulturort, Kulturzeit: Das Museum für Konsumkultur bei 3sat

Kaufhaus, Kulturort, Kulturzeit: Das Museum für Konsumkultur bei 3sat

Diese Woche war die Pop-up-Ausstellung „KONSUM und ICH – Vom Warenhaus zur Shopping-App“ zu Gast bei Kulturzeit auf 3sat – im Rahmen eines Beitrags zur World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026. Zahlreiche Projekte in der Region setzen sich mit der Frage auseinander, wie Design zur Demokratie beitragen kann.

Screenshot aus der Sendung Kulturzeit vom 22.06.2026 auf 3sat

Der Beitrag in der Kulturzeit schwenkt dabei auch nach Wiesbaden: Was die Initiatorin des Museums für Konsumkultur und Zukunftsforscherin Janine Seitz dort gesagt hat, bringt auf den Punkt, warum es diese Ausstellung gibt: Kaufhäuser waren nie nur Orte zum Einkaufen. Sie waren Treffpunkte. Orte, an denen Lesungen stattfanden, Ausstellungen, Konzerte. An denen man verweilte, sich unterhielt, ein Buch las, kurz eine Verschnaufpause einlegte. Gesellschaftliche Räume – mitten in der Stadt. Kaufhäuser war offen für alle.

Genau das haben wir im WerkRaum Wiesbaden wiederentdeckt. Auf der Ausstellungsfläche in einem ehemaligen (Sport-)Kaufhaus in der Langgasse mitten in der Fußgängerzone, stellen wir die Fragen: Was hat Konsum mit uns gemacht? Was macht er heute mit uns? Und was wollen wir morgen damit anfangen?

Die große Frage hinter den ganz persönlichen und individuellen Aspekten, über das eigene Konsumverhalten nachzudenken, ist die Frage danach, wie Konsum heute und morgen (wieder) zu Demokratie beitragen kann.

Der Beitrag zur WDC 2026 ist ab Minute 27:19 in der Sendung Kulturzeit zu sehen.

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Kuratorinnen-Führung

Kuratorinnen-Führung durch die Ausstellung KONSUM und ICH

Samstag, 19. September · 12 Uhr · ca. 60 Min.

Was verraten unsere Einkäufe über uns? Und was hat Konsum mit Demokratie zu tun?

Bei dieser Kuratorinnen-Führung nimmt Janine Seitz, Kuratorin der Schau und Initiatorin des Museums für Konsumkultur, Sie mit durch die Ausstellung KONSUM und ICH. Am Samstag, 19. September um 12 Uhr, gibt sie einen Überblick über die Anfänge des modernen Massenkonsums.

Wie sind die ersten Warenhäuser in Deutschland entstanden? Wieso galten sie einst als „Kathedralen des Konsums“?Welche Rolle spielen sie bis heute für unsere Konsumgewohnheiten? Der Bogen spannt sich von der Warenhausgeschichte bis hin zu unserem modernen Massenkonsum. Dabei dient die Plastiktüte als Erinnerungsstück an die Welt vor dem Onlineshopping.

Mit Aha-Erlebnissen, Mitmach-Momenten und viel Raum für Austausch.

Wer mehr zur Geschichte der Warenhäuser in Wiesbaden erfahren will, hierzu findet am 10. Oktober 2026 ein Stadtrundgang statt >>

  • WerkRaum Wiesbaden, Langgasse 5–9
  • Eintritt frei · Keine Anmeldung nötig

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Vom Konsumtempel zum Museum

Vom Konsumtempel zum Museum

Was bleibt von der Geschichte der Warenhäuser?

„Schließ heute ein Kaufhaus zu, öffne die Tür nach hundert Jahren – und du hast ein Museum moderner Kunst.“ 

Andy Warhol, 1985

Wenn wir heute ein Kaufhaus schließen, hätten wir dann auch in 100 Jahren noch ein Museum? Was würden wir darin sehen? Ist das, was es dort gibt, bewahrenswert? Oder bewahren wir einfach nur noch Leere, marode Technik, bröckelnde Fassaden? 

Als das Kaufhaus noch die Zukunft war: Die 1980er und der Konsumrausch

Als der Pop-Art-Künstler Andy Warhol Mitte der 1980er Jahre das Kaufhaus mit einem Museum für moderne Kunst verglich, strauchelten einige Konzerne zwar auch bereits und doch präsentierten sich Kaufhäuser als die Orte der neuesten Trends und Mode. Sie verkörperten die moderne Konsumgesellschaft par excellence. Individuelle Massenwaren erschwinglich für jedermann und jederfrau. Alles im Überfluss. Natürlich wäre ein Kaufhaus in den 1980ern auch nur eine Momentaufnahme des Zeitgeistes: Schrill-bunte Popkultur in Reinform. Schulterpolster und Leggings, Oversized und Neonfarben, Vokuhila und Dauerwellen. Frei nach dem Motto: Mehr ist Mehr!

Zeitkapsel Warenhaus: Von Moonboots und postapokalyptischer Nostalgie

Mir kommt eine Erinnerung an die BBC-Serie „The Tripods – Die dreibeinigen Herrscher“ (1984/85) in den Sinn: In einer Folge stolpern die drei Freunde in Paris in ein altes Kaufhaus. Alles wirkt morbide und doch zugleich moderner und näher, als das Leben, das die Jugendlichen bislang führen mussten, in einer postapokalyptischen, mittelalterlich-anmutenden Zukunft. Mit vielen Dingen wissen sie gar nichts anzufangen – und verlassen das Kaufhaus schließlich mit coolen 80er-Jahr-Klamotten inklusive Moonboots.

Vom Gebrauchsgegenstand zum Museumsobjekt: Alltagskultur im Wandel

Geht es heute immer noch so sehr um die Waren? Oder eher um die Kultur, also wofür die Kaufhäuser als Institutionen stehen? Wir stellen uns eher die Frage, was wir mit den Produkten machen – und wissen wir in 100 Jahren noch um ihren Nutzen oder sind sie in Vergessenheit geraten oder obsolet geworden. So wie ein Walkman heute längst ein Museumsobjekt geworden ist, werden Alltagsgegenstände erst nutzlos und dann wieder als Ausstellungsstücke wertvoll. Dabei sagen Objekte per se wenig aus, es geht um ihre Geschichten, um die Erlebnisse, die mit ihnen verbunden waren – um ihre Nutzung durch die Menschen. 

Wenn wir heute hier Plastiktüten ausstellen, bewegen wir uns aktuell noch zwischen der Debatte um Wegwerfartikel und Umweltverschmutzung sowie Designobjekte und Zeitgeistphänomen. Sie erzählen die Geschichten des Massenkonsums der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und werden gerade zu Relikten einer vergangenen Zeit. 

Ausblick: Die Geschichte des modernen Konsums

Schade, dass wir nicht schon vor 40 Jahren einfach mal ein Kaufhaus geschlossen haben mit all seinem Inhalt. Wir hätten heute schon ein Museum! So sammeln wir und kuratieren wir. Dinge, Orte und Technologien. Und erzählen die Geschichten der Menschen hinter den Objekten, Innovationen und Fassaden. Denn nur so werden sie lebendig. 

In diesem Blog nehmen wir euch mit auf eine Reise durch die Geschichte des modernen Konsums: Von den Anfängen der Warenhäuser im 19. Jahrhundert und deren Höhepunkt in der Weimarer Republik über die Arisierungen der NS-Zeit und die Aufbruchsstimmung des Wirtschaftswunders bis hin zum Konsum in Ost und West – geprägt durch die geteilte Geschichte von DDR und BRD – sowie dem Aufstieg des Internethandels.

Janine Seitz 

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Einkaufstüten als Spiegel der Konsumgeschichte

Einkaufstüten als Spiegel der Konsumgeschichte

Life in Plastic. It’s fantastic?

Wand mit Einkaufstüten
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Heute wirken sie wie Relikte aus einer anderen Zeit. Dabei ist es noch gar nicht lange her: Seit 2016 gibt es sie im Handel nicht mehr kostenlos, erst seit 2022 sind Einweg-Plastiktüten in Deutschland weitgehend verboten. Was als praktischer Alltagshelfer begann, wurde zum Symbol der Wegwerfkultur.

Die Tüten erzählen die Konsumgeschichte der letzten 60 Jahre – in Farbe, Form und Firmenlogo. 

In ganz Deutschland? Ja, allerdings waren Plastiktüten in der BRD viel verbreiteter als der „Plastebeutel” in der DDR.

Wie alles begann

1961 führte der Kaufhauskonzern Horten die Tragetasche aus Polyethylen ein – damals noch als sogenannte „Hemdchentüte“. Andere Warenhäuser zogen schnell nach, darunter Kaufhof ab Mitte der 1960er-Jahre.

Die Hemdchentüte hat ihren Namen von ihren Henkeln, die den Trägern eines Unterhemds ähneln. Mit ihr startete der Siegeszug der Plastiktüten für den Massenmarkt.

Übrigens: Einer der Erfinder des „Hemdchen-Prinzips“ für Verpackungsbeutel war die Firma RUMA aus Wiesbaden-Dotzheim. 

Doch schon nach wenigen Jahren wurde sie weitgehend von der stabileren Reiterbandtasche abgelöst – im Grunde die klassische Plastiktüte (wie wir sie kennen) mit verstärktem Trage-Eingriff. Beinahe immer und überall gab es sie kostenlos zum Einkauf dazu.

Vom Fortschritt zum Problem

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Plastiktüten pro Kopf im Jahr – 1975

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Plastiktüten pro Kopf im Jahr – 2014

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dünne Plastiktüten (z.B. für Obst, nicht verboten) pro Kopf im Jahr – 2023

Ab Mitte der 1970er-Jahre wurde der Jutebeutel hip: „Jute statt Plastik“ wurde zur Gegenbewegung zur Konsumgesellschaft. 

Design und Zeitgeist

Plastiktüten waren günstig, praktisch – und perfekte Werbeträger. 

In den 1970ern waren Einkaufstüten so bunt wie die Tapeten in den Wohnzimmern. Jedes Kaufhaus hatte seinen eigenen Look:

Horten übertrug seine berühmt-berüchtigte Kachelfassade auch auf das Tütendesign: blaue Dreiecke als abstraktes H für Horten. 

Kaufhof setzte auf psychedelische Kreise – meist in klassischem Grün, manchmal auch in mutigem Pink.

Unvergessen ist die rot-blaue „Hertie-Sonne“, die in den 1970ern und 80ern bis zur Übernahme durch Karstadt 1994 über die Einkaufsstraßen strahlte.

Auch Exklusivität ließ sich wunderbar nach außen in die Welt tragen: Die Tüte als Statussymbol.  

KaDeWe: Hier wurde die Tüte zum Kunstobjekt. Gleich erkannt? Alltagsgegenstände wie Kartoffeln oder Pinsel wurden wie Stillleben inszeniert.

Wertheim zeigte Mitte der 1980er noch einmal sein ikonisches Original-Logo mit dem Globus auf dem „W“ aus den glanzvollen Anfangsjahren des Warenhauses.

Im Osten: Plaste, Papier und Dederon

Wo es keinen Überfluss gab, waren auch Einwegtüten aus Plastik überflüssig. Stattdessen wurden in der DDR vor allem Papiertüten genutzt. „Plastebeutel“ waren begehrt und wurden so lange wie möglich wiederverwendet.

  • Flowerpower: Die grafischen Muster der Papiertüten der Handelsorganisation (kurz HO) und ihrer Centrum Warenhäuser waren auffällig bunt – ein optischer Akzent im oft grauen Alltag. 
  • Dederon-Netze: Ein besonderes Stück DDR-Alltagskultur. Die Einkaufsnetze aus der Polyamid-Kunstfaser Dederon waren extrem robust und dehnbar: es hieß, es passen bis zu 12 Bierflaschen hinein.

Im Westen bis zur Wende vergessen und von der Plastiktüte verdrängt, erlebt das Einkaufsnetz längst ein Comeback als umweltfreundliche Alternative – oft mit einem Hauch „Ostalgie“.