Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten (1/2)
Kaufhaus Blumenthal (Teil 2): Neuer Warenhauspalast in Wiesbaden
Serien-Kompass
- Kapitel 1: Kaufhaus Blumenthal (Teil 2 von 4)
- Serie: Kaufhäuser in Wiesbaden: Glanz, Schicksale und Geschichten
- Epoche: 1906 – 1914: Der Prachtbau und der kaiserliche Glanz
Prachtbau auf schwierigen Untergrund
1906 können die Blumenthals einen monumentalen Erfolg feiern und ganz Wiesbaden feiert mit. Die Kurstadt hat nun ihr zweites großes Warenhaus: Nach dem Haus Bormass auf dem Mauritiusplatz eröffnet das Kaufhaus Blumenthal nur wenige Meter entfernt in der Kirchgasse 39–41. Errichtet wurde der Prachtbau auf dem früheren Grundstück des Hotels und Restaurants Nonnenhof.
Der Bau erweist sich im Vorfeld als echte Ingenieursleistung. Der Wiesbadener Untergrund ist tückisch – kaum verwunderlich bei den zahlreichen unterirdischen Thermalquellen der Stadt. Um das schwere Gebäude dauerhaft zu sichern, müssen massive Trägerroste in Beton gegossen und aufwändige Brunnenfundierungen tief im Boden versenkt werden. Doch der Aufwand lohnt sich.
Stunden vor der Eröffnung stehen sie Schlange
„Ein neuer Warenhauspalast“ titelt der Wiesbadener General-Anzeiger am 25. März 1906 voller Vorfreude. Als sich am Samstag, dem 31. März 1906, die Tore um Punkt 11 Uhr endlich öffnen sollen, herrscht in der Kirchgasse längst Ausnahmezustand. Schon Stunden zuvor sammeln sich die Menschenmassen auf den Gehwegen: „Leute aus allen Bevölkerungsschichten, Damen und Herren, Kinder und Greise und Greisinnen warteten in lebhafter Unterhaltung auf den großen Moment”, schreibt das Wiesbadener Tagblatt beeindruckt in seiner Abendausgabe.
Marmor, Bronze und ein Lichthof zum Staunen

Beim Betreten sind die Menschen nicht nur vom schier endlosen Warenangebot überwältigt, sondern vor allem von der überbordenden Inneneinrichtung. Besticht das Gebäude bereits von außen mit seiner edlen Fassade aus Eltmanner Sandstein, offenbart sich im Inneren echter Luxus: So erblickt das staunende Auge einen Lichthof, der durch alle drei Etagen und das Erdgeschoss reicht, teils vergoldete Stuckverzierungen und eine beeindruckende Haupttreppe aus feinstem Marmor, flankiert von kunstvollen Gittern aus Bronze. Alles wirkt luftig, hell und mondän.
Technik vom Feinsten
Wer keine Treppen steigen möchte, kann einen der zwei hochmodernen Aufzüge nutzen. Bis zu zehn Personen fasst eine Kabine aus poliertem Ahorn mit Spiegelglas – und natürlich gibt es einen Fahrstuhlführer, der die Knöpfchen bedient.
Das Haus befindet sich technisch auf dem absolut neuesten Stand. Eine Zentralheizung sorgt für wohlige Wärme, und besonders die innovative Fußbodenheizung im Eingangs- und Ausgangsbereich wird in den Zeitungsberichten überschwänglich gelobt. Auf allen Etagen befinden sich Toiletten für Damen und Herren. 36 Bogenlampen am äußeren des Gebäudes sorgen dafür, dass die Jugendstilfassade auch am Abend und bei Nacht zur Geltung kommt. Insgesamt ist das Haus mit 2.000 Glühbirnen, 160 Bogenlampen und 20 Ventilatoren ausgestattet. Der Wiesbadener General-Anzeiger vom 30. März 1906 jubelt über „Mehr Licht“ für die Stadt und den steigenden Strombedarf.
Komfort für 300 Angestellte
Dass für den „König Kunde“ alles perfekt inszeniert ist, ist die eine Sache. Doch wie steht es mit dem Personal? Laut Wiesbadener General-Anzeiger arbeiten im neuen Haus 225 Mitarbeiterinnen und 75 Mitarbeiter. Im Souterrain stehen für sie zahlreiche Garderoben, Toiletten und Waschtische bereit. Hinzu kommen eigene Frühstücksräume und eine Kantine. Als besonders sozial und fortschrittlich gilt der geregelte Ladenschluss um 20 Uhr.
Skandal um nackte Figur: Die gerettete Sittlichkeit
Eine Anekdote am Rande spiegelt den moralischen Geist zur Jahrhundertwende treffend wider: Der Wiesbadener General-Anzeiger bringt zur Eröffnung ein satirisches Gedicht in bayerischer Mundart – „Die gerettete Sittlichkeit“. Was war passiert? Das konservative, katholisch geprägte Wiesbadener Volksblatt hatte sich im Vorfeld darüber empört, dass im Treppenfenster des Neubaus eine nackte, allegorische Figur angebracht ist. Würde man dort nun etwa auch noch anrüchige Spitzenkorsetts verkaufen? Eine Frauenfigur im Inneren schien sogar vollständig unbekleidet zu sein – und hieß obendrein „Frau Mode“! Ein handfester Skandal, den der Verfasser des Gedichts mit feiner Ironie aufs Korn nimmt.
→ Wie geht es weiter?
Der Jugendstil-Palast strahlt im Glanz der kaiserlichen Kurstadt. Doch die dunklen Wolken des Ersten Weltkriegs werfen bereits ihre Schatten voraus. Erfahre im nächsten Kapitel, wie ein junger Chef das Erbe antritt und das Familienunternehmen durch die stürmischen und alles andere als goldenen Zwanziger-Jahre navigiert.
Weiter zu Teil 3: Wie die Familie Blumenthal mit ihrem Kaufhaus den Ersten Weltkrieg, die Hyperinflation und die 1920er meistert (1914–1929).
Janine Seitz
Quellen:
- Aktives Museum Spiegelgasse: Zur Erinnerung an Julie, Adolf und Irma Blumenthal (Erinnerungsblatt)
- Flick, Klaus: Judenhäuser in Wiesbaden 1939 – 1942: Julchen Blumenthal, geborene Heilbuth. 01.01.2019
- Wiesbadener General-Anzeiger: Ein neuer Warenhauspalast, 25.03.1906
- Wiesbadener General-Anzeiger: Der Blumenthal’sche Neubau. 29.03.1906
- Wiesbadener General-Anzeiger: Anzeige Neubau S. Blumenthal & Co. 29.03.1906
- Wiesbadener General-Anzeiger: Mehr Licht! und Die elektrische Beleuchtungsanlage im Warenhaus Blumenthal. 30.03.1906
- Wiesbadener General-Anzeiger: Die gerettete Sittlichkeit. 31.03.1906
- Wiesbadener Tagblatt, 31.03.1906, Abend-Ausgabe, S. 4